Ein Streichinstrument zu erlernen bedeutet, sich auf das komplexeste aller Kunsthandwerke einzulassen...
Der Unterricht beginnt in der Regel im frühen Kindesalter. Hat man die Geige oder das Cello als Berufsziel vor Augen, so ist tägliches stundenlanges Üben im Normalfall obligat. Greift ein Kind nicht von selbst zum Instrument und betreibt es als Hobby, wie andere etwa Fussball spielen oder Briefmarken sammeln, so kann es leicht zur Quälerei ausarten. Die Anforderungen an Kopf und Motorik sind hoch, der psychische Druck, etwa an Vorspielabenden, kann enorm sein. An der Universität sind für Orchestermusiker und Solisten in der Folge 16 Semester vorgesehen. Nach aufwändigen Lehrjahren betritt man leise eine neue Welt. Das schulische Hilfskorsett löst sich, zu den von seinen Lehrern übernommenen Erfahrungen mischen sich eigene emotionale Aussagen. Es entsteht ein persönlicher Stil, der bis zum Lebensende ständigem Wandel unterworfen ist.
MusikerIn zu sein gilt als Traumberuf, Routine kann aber auch in der Musik den Tod der Kreativität bedeuten. Mit klassischer Musik lassen sich keine Geschäfte machen; der Marktwert weniger Stars bildet eine Ausnahme. Auch in unseren "Kulturländern" werden von Jahr zu Jahr öffentliche Subventionen gestrichen, private Sponsoren zu finden ist schwierig, klassische Musik ist eben nicht Fussball oder Pop. Hingegen steigt die Zahl hochqualifizierter Musiker, die Mehrzahl von ihnen sieht sich auf dem freien Markt einem verschärften Honorardumping ausgesetzt. Um sich über Wasser halten zu können sehen sie sich gezwungen, rund um die Uhr zu arbeiten, oft unter jämmerlichen Dirigenten als Touristenattraktion in Perücken. Solche Arbeitsumstände - durchaus mit jenen der "Polnischen Putzfrau" zu vergleichen - vertragen sich weder mit der ungeheuer aufwändigen Ausbildung noch mit den Inhalten, die es dem Publikum zu vermitteln gilt. In der Folge sinkt meist das künstlerische Niveau des Betroffenen, Begeisterung und Idealismus erlahmen, sein Gesicht bei den Proben ähnelt dem eines Kindes, das man wider seinen Willen auf eine Waldwanderung mitgenötigt hat. Dabei könnte der Musikerberuf bei richtiger Dosierung tatsächlich ein Traumberuf sein... Manche haben in ihrer Jugend mit diesem Beruf geliebäugelt, aber letztendlich doch einen anderen ergriffen. Vielleicht eine weise Entscheidung, keinesfalls aber leere Kilometer - der Grundstein für eines der faszinierendsten Hobbies ist gelegt.
Für langjährige Kletterpartner ist das Seil mehr als ein Sicherungsmittel, das vor dem Absturz bewahren soll. Es bildet eine Nabelschnur, welche herkömmliche Seilkommandos überflüssig macht; durch die sich sogar Empfindungen vom einen auf den anderen übertragen können. In der Kammermusik, etwa im Streichquartett, trifft man nach längerem gemeinsamen Musizieren auf ähnliche Phänomene. In einem unsichtbaren Ring, der die Ausführenden kurzzuschließen scheint, erwachen gruppendynamische Prozesse, welche über die notwendigen technischen und musikalischen Fertigkeiten des Einzelnen in eine weitere Ebene führen. So werden etwa an sich unvorhersehbare Änderungen eines Einzelnen in Lautstärke oder Tempo von den anderen wie mittels Radar in kaum messbarer Zeit wahrgenommen und - für Zuhörer unmerkbar - angepasst. Das ständig bewegte Spiel mit Konzentration, Reaktionsfähigkeit und handwerklichem Geschick, eingebettet in jene schwer beschreibbare Atmosphäre von Voraussicht und Vertrauen, erzeugt einen Kosmos, der in seiner Vielschichtigkeit und Faszination kaum zu überbieten ist.
"Wie viele Sprachen du sprichst, sovielmal Mensch bist du."