Zattkofel, 2311 m. S-Sporn, 4
„Rudi-Klose-Gedächtnisweg“ auf den östlichsten Gipfel des Keilspitzmassivs.
Gailtaler Alpen, Lienzer Dolomiten, Nikolsdorf oder Lavant/Wacht, Osttirol. Zustieg 1400 Hm + 5 Seillängen (150 Klettermeter), dazwischen Gehgelände (150 Hm).
P Frauenbach-Wasserfall, 9 km sö. von Lienz (kein Zugang während der Schießzeiten des Bundesheeres, s. Aushang vor Ort oder hier – Wanderweg/Forststraße Lavanter Graben (die Auffahrt mit Rad – knapp 700 Hm – wird bislang geduldet) – Lavanter Alm (+ 500 Hm) – untere Zattkofelrinne – am S-Sporn erst ausgeschnittener Jagdsteig zum Einstieg (+ 200 Hm) – Rudi-Klose-Gedächtnisweg (2 Passagen IV, Rest II-III und teils steile Grashänge, nicht bei Nässe!). – Abstieg durch Abseilen über die Route; Stände eingerichtet, insgesamt 11 ZH, 60 m Einfachseil geht sich perfekt aus, 6 Expressschlingen.






Osttirol ist auf seiner kleinen Fläche überreich mit landschaftlichen Höhepunkten gesegnet, das Gebiet um die Lavanter Alm gehört für uns zu den schönsten all dieser Kleinode. Besonders im Frühjahr und Herbst, wo die Kontraste sich noch einmal überbieten, stolpert man mit offenem Mund über die Wiese am Fuß der Salzklamm und wähnt sich in einem farblich übersättigten Fantasyfilm.
Auch vom berühmten Dreitörlweg vom Hochstadelhaus zur Karlsbader Hütte erhält man Einblick in diese Wunderwelt, allerdings eher aus der Vogelperspektive. Unten auf der Alm aber findet man sich mittendrin in einer perfekt ausgewogenen Szenerie aus sanften Matten und himmelstürmenden Felswänden. Genau über der Hütte windet sich ein steil gestufter Felssporn auf unseren Zattkofel, der laut altem AV-Führer eine gemütliche Tour im 1. Schwierigkeitsgrad verspricht. Heutzutage haben hoffentlich selbst die wilden Osttiroler eine andere Vorstellung von einem „Einser“.
Seit der Erstbesteigung des Berges über den „Südanstieg“ im August 1953 durch den Wiener Oberstudienrat Prof. Rudolf Klose (über den wir schon am uralten Treibersteig Großnitzkopf – Freiung gestolpert sind) wurde dessen Route nicht mehr wiederholt. Laut Gipfelbuch standen bis 2025 nur 40 Partien hier oben, hauptsächlich Kletterer aus dem Kreis um den Nikolsdorfer Bergführer Erhard Seiwald, der sich am 11.8.1979 mit der ersten Begehung der „Viehkofel-Nordostverschneidung“ (V) ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.
Noch ein Wort zur Namensgebung: Die Bezeichnung Lienzer Dolomiten ist relativ jung, über Jahrhunderte war nur von den Unholden die Rede. Noch im 19. Jahrhundert wurde das gesamte Keilspitzmassiv mit seinen über 20 Gipfeln und Türmen pauschal Viehkofel genannt. Erst Hubert Peterka versuchte in seinem Alpenvereinsführer um 1970 auf der Grundlage moderner Kartografie Klarheit in dieses Labyrinth mit seinen bald hundert verschiedenen Routen und Varianten zu bringen. So erklärt sich auch der Viehkofel am Titelblatt des Zattkofel-Gipfelbuchs (in welchem man gleichwohl über die Zattkofelrinne als Normalweg stolpert) - die Alten übernahmen die Namensgebung einfach von ihren Vätern. Auch heute noch gibt es darüber nicht nur um diesen Gipfel erstaunliche Divergenzen, selbst zwischen alteingesessenen Jägern und Hüttenwirten. Der AV-Führer-Viehkofel mit seinen drei Gipfeltürmen steht gleich hinter dem Zattkofel und ist noch um 171 m höher. Deshalb haben wir uns dazu durchgerungen, den Berg so zu benennen, wie es im Buch steht. Liebe Nikolsdorfer, bitte nicht böse sein, wir haben größten Respekt vor Euren alpinistischen Leistungen und den kühnen Unternehmungen Eurer Vorfahren! Auch in jüngster Zeit tut sich wieder was am Zattkofel: 2017 eröffnete das Trio Messini/Pichler/Marinelli die 9-Seillängen-Route Quo Vadis (VII) im oberen Teil der Ostwand. Und soeben berichtet mir Ulli von einem laufenden Projekt der Winkler-Brüder durch die gesamte 1000-Meter-Wand.
An einem schönen Herbsttag – oft bekommt man hier oben nicht einmal gegen Ende November kalte Finger - machen wir uns also auf, das über 70 Jahre alte Rätsel zu lösen. Keine zehn Minuten kraxeln wir in schönem Fels den untersten Teil der Zattkofelrinne hinauf, bis wir rechts problemlos auf den Sporn hinaus queren können und uns prompt auf einem alten Jagdsteig wiederfinden. Dem verhelfen wir mit unserer kleinen Handsäge zu neuem Glanz. Die nächste Überraschung erwartet uns bald weiter oben am Einstieg zu Rudi Kloses verwegener „Einser-Tour“ – nur einer von etwa fünf Dutzend weiteren in den Lienzer Dolomiten: eine 30 m hohe schrofige Steilwand, nicht zu umgehen, kaum abzusichern, bald nach dem Abheben geht es gegen den 4. Grad. Weiter oben durch eine flache Latschenterrasse, dann steile Wiesen. In einer langen Kaminrinne wird’s wieder zum Klettern. In der Mitte eine Engstelle, an der unser Solo-Rudi wahrscheinlich doch links ausgekniffen ist, allerdings um einen stark gefährdeten Riesenblock herum. Gerade hinauf wird sogar kurz die obere Grenze des Vierers erreicht …
Wir glauben jetzt zu wissen, warum über sieben Jahrzehnte offenbar niemand auf die Idee gekommen ist, die Tour zu wiederholen. Allein die Vorstellung, diesen sonnenverwöhnten Sporn im Urzustand noch einmal im Auf- und Abstieg begehen zu müssen, erzeugt im Bauch ein ziemlich flaues Gefühl, noch dazu, wenn man Kinder zu Hause hat. Deshalb kommen wir nächstes Mal mit der Bohrmaschine.
Manch verwöhnter Kletterer wird es vielleicht abwegig finden, wegen fünf Seillängen die Ausrüstung so weit zu schleppen. Zugegeben, der Zattkofel ist der niedrigste Gipfel im Keilspitzmassiv, aber dennoch ein richtiger Berg, an dem alle Instinkte zum Einsatz kommen. Dem alpinen Allrounder, der neben schönen Moves auch den Blick für ein wirklich einmaliges Ambiente hat, könnte der Rudi-Klose-Gedächtnisweg durchaus gefallen.
Literatur: Peterka/End: AV-Führer Lienzer Dolomiten (Randzahl 762). München: Bergverlag Rother 1984.



















































































































