Zattkofel, 2311 m. S-Sporn, 4

„Rudi-Klose-Gedächtnisweg“ auf den östlichsten Gipfel des Keilspitzmassivs.

Gailtaler Alpen, Lienzer Dolomiten, Nikolsdorf oder Lavant/Wacht, Osttirol. Zustieg 1400 Hm + 5 Seillängen (150 Klettermeter), dazwischen Gehgelände (150 Hm).

P Frauenbach-Wasserfall, 9 km sö. von Lienz (kein Zugang während der Schießzeiten des Bundesheeres, s. Aushang vor Ort oder hier – Wanderweg/Forststraße Lavanter Graben (die Auffahrt mit Rad – knapp 700 Hm – wird bislang geduldet) – Lavanter Alm (+ 500 Hm) – untere Zattkofelrinne – am S-Sporn erst ausgeschnittener Jagdsteig zum Einstieg (+ 200 Hm) – Rudi-Klose-Gedächtnisweg (2 Passagen IV, Rest II-III und teils steile Grashänge, nicht bei Nässe!). – Abstieg durch Abseilen über die Route; Stände eingerichtet, insgesamt 11 ZH, 60 m Einfachseil geht sich perfekt aus, 6 Expressschlingen.

ÜbersichtKarteder Zattkofel und seine Trabanten im Keilspitzmassiv der Lienzer Dolomiten, welche früher als „die Unholden“ benannt wurden; der gesamte Keilspitzkamm mit seinen über 20 Gipfeln und Türmen wurde bis ins 19. Jahrhundert pauschal „Viehkofel“ genanntdie historische Route über den Südsporn (Kante ganz links) wurde seit der Erstbegehung durch den Wiener Gymnasialprofessor Rudolf Klose im Jahr 1953 bis 2025 nicht wiederholt und nunmehr saniertder östliche Teil der Lienzer Dolomiten vom Gipfel des Hochstadel (s. eigener Bericht); der Zattkofel ist der niedrigste Turm im Keilspitzmassiv und von hier nur schwer auszumachender Anstieg von der Lavanter Alm aus gesehen

Osttirol ist auf seiner kleinen Fläche überreich mit landschaftlichen Höhepunkten gesegnet, das Gebiet um die Lavanter Alm gehört für uns zu den schönsten all dieser Kleinode. Besonders im Frühjahr und Herbst, wo die Kontraste sich noch einmal überbieten, stolpert man mit offenem Mund über die Wiese am Fuß der Salzklamm und wähnt sich in einem farblich übersättigten Fantasyfilm.
Auch vom berühmten Dreitörlweg vom Hochstadelhaus zur Karlsbader Hütte erhält man Einblick in diese Wunderwelt, allerdings eher aus der Vogelperspektive. Unten auf der Alm aber findet man sich mittendrin in einer perfekt ausgewogenen Szenerie aus sanften Matten und himmelstürmenden Felswänden. Genau über der Hütte windet sich ein steil gestufter Felssporn auf unseren Zattkofel, der laut altem AV-Führer eine gemütliche Tour im 1. Schwierigkeitsgrad verspricht. Heutzutage haben hoffentlich selbst die wilden Osttiroler eine andere Vorstellung von einem „Einser“.
Seit der Erstbesteigung des Berges über den „Südanstieg“ im August 1953 durch den Wiener Oberstudienrat Prof. Rudolf Klose (über den wir schon am uralten Treibersteig Großnitzkopf – Freiung gestolpert sind) wurde dessen Route nicht mehr wiederholt. Laut Gipfelbuch standen bis 2025 nur 40 Partien hier oben, hauptsächlich Kletterer aus dem Kreis um den Nikolsdorfer Bergführer Erhard Seiwald, der sich am 11.8.1979 mit der ersten Begehung der „Viehkofel-Nordostverschneidung“ (V) ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.
Noch ein Wort zur Namensgebung: Die Bezeichnung Lienzer Dolomiten ist relativ jung, über Jahrhunderte war nur von den Unholden die Rede. Noch im 19. Jahrhundert wurde das gesamte Keilspitzmassiv mit seinen über 20 Gipfeln und Türmen pauschal Viehkofel genannt. Erst Hubert Peterka versuchte in seinem Alpenvereinsführer um 1970 auf der Grundlage moderner Kartografie Klarheit in dieses Labyrinth mit seinen bald hundert verschiedenen Routen und Varianten zu bringen. So erklärt sich auch der Viehkofel am Titelblatt des Zattkofel-Gipfelbuchs (in welchem man gleichwohl über die Zattkofelrinne als Normalweg stolpert) - die Alten übernahmen die Namensgebung einfach von ihren Vätern. Auch heute noch gibt es darüber nicht nur um diesen Gipfel erstaunliche Divergenzen, selbst zwischen alteingesessenen Jägern und Hüttenwirten. Der AV-Führer-Viehkofel mit seinen drei Gipfeltürmen steht gleich hinter dem Zattkofel und ist noch um 171 m höher. Deshalb haben wir uns dazu durchgerungen, den Berg so zu benennen, wie es im Buch steht. Liebe Nikolsdorfer, bitte nicht böse sein, wir haben größten Respekt vor Euren alpinistischen Leistungen und den kühnen Unternehmungen Eurer Vorfahren! Auch in jüngster Zeit tut sich wieder was am Zattkofel: 2017 eröffnete das Trio Messini/Pichler/Marinelli die 9-Seillängen-Route Quo Vadis (VII) im oberen Teil der Ostwand. Und soeben berichtet mir Ulli von einem laufenden Projekt der Winkler-Brüder durch die gesamte 1000-Meter-Wand.

An einem schönen Herbsttag – oft bekommt man hier oben nicht einmal gegen Ende November kalte Finger - machen wir uns also auf, das über 70 Jahre alte Rätsel zu lösen. Keine zehn Minuten kraxeln wir in schönem Fels den untersten Teil der Zattkofelrinne hinauf, bis wir rechts problemlos auf den Sporn hinaus queren können und uns prompt auf einem alten Jagdsteig wiederfinden. Dem verhelfen wir mit unserer kleinen Handsäge zu neuem Glanz. Die nächste Überraschung erwartet uns bald weiter oben am Einstieg zu Rudi Kloses verwegener „Einser-Tour“ – nur einer von etwa fünf Dutzend weiteren in den Lienzer Dolomiten: eine 30 m hohe schrofige Steilwand, nicht zu umgehen, kaum abzusichern, bald nach dem Abheben geht es gegen den 4. Grad. Weiter oben durch eine flache Latschenterrasse, dann steile Wiesen. In einer langen Kaminrinne wird’s wieder zum Klettern. In der Mitte eine Engstelle, an der unser Solo-Rudi wahrscheinlich doch links ausgekniffen ist, allerdings um einen stark gefährdeten Riesenblock herum. Gerade hinauf wird sogar kurz die obere Grenze des Vierers erreicht …

Wir glauben jetzt zu wissen, warum über sieben Jahrzehnte offenbar niemand auf die Idee gekommen ist, die Tour zu wiederholen. Allein die Vorstellung, diesen sonnenverwöhnten Sporn im Urzustand noch einmal im Auf- und Abstieg begehen zu müssen, erzeugt im Bauch ein ziemlich flaues Gefühl, noch dazu, wenn man Kinder zu Hause hat. Deshalb kommen wir nächstes Mal mit der Bohrmaschine.
Manch verwöhnter Kletterer wird es vielleicht abwegig finden, wegen fünf Seillängen die Ausrüstung so weit zu schleppen. Zugegeben, der Zattkofel ist der niedrigste Gipfel im Keilspitzmassiv, aber dennoch ein richtiger Berg, an dem alle Instinkte zum Einsatz kommen. Dem alpinen Allrounder, der neben schönen Moves auch den Blick für ein wirklich einmaliges Ambiente hat, könnte der Rudi-Klose-Gedächtnisweg durchaus gefallen.

seltsame Aktion: auch wenn manchmal im Lavanter Graben schon frostige Verhältnisse herrschen, muss man sich oben am sonnigen Sporn nicht immer kalte Finger holenvom Ende des Fahrwegs unterhalb der Hochstadel-Nordwand ...... marschieren wir den Lavanter Graben hinauf zur Alm; links der Baumgartenturm - die ersten acht (von 36) Seillängen des abenteuerlichen „Erich-Vanis-Gedenkwegs“, 6+, rechts die Zattkofel-Ostwand mit zwei alten und zwei modernen Routendie Lavanter Alm Mitte Oktoberdie Almhütte wurde angeblich von einem Nachkommen des berühmt-berüchtigten Alfred Candidus Ferdinand Fürst zu Windisch-Graetz errichtet (er selbst starb bereits 1862 in Wien), welcher noch an drei Koalitionskriegen gegen Napoleon teilnahm und zahlreiche Aufstände im Kaiserreich niederschlugBlick gegen die gewaltigen Wandfluchten von Freiung, Hochstadel und Hahnenkamm, die zu den fünf höchsten der Kalkalpen zählendie jahreszeitlichen Wechsel vervielfachen den Reiz dieser wundervollen Landschaft; im Herbst färben sich die Lärchen, ...... Anfang Mai kämpft sich erstes zartes Grün ans Lichtgenug geschwärmt, jetzt geht's an unseren runden Kantensporngleich hinter der Hütte hinauf in die Rinne und bald auf einer Rampe rechts hinaus auf den Sporn zur Fortsetzung des Steigsfester Fels in der Rinne, noch vor der Teilung rechts hinausBlick vom unteren Sporn gegen den Grubenkamm, ganz rechts das Lavanter Törlam Ende eines schrofigen Steilhangs waagrecht links um die Felskante und weiter über eine Rampe ...... zum Einstieg am Fuß einer gut 30 m hohen Steilwand, ...... die auf einer flachen Latschenterrasse endet (gesehen von Westen aus der Viehkofel Südflanke)am Originaleinstieg von Rudi Klose - schaut gut aus, der Einser!?wir haben den Einstieg ein paar Meter nach rechts verlegt und steigen auf bombenfestem Fels ...... in gerader Linie den Baseclimb hinauf - vobei am Abseilstand, an den dicken Latschenästen ein paar Meter darüber ist das Nachsichern gemütlicherder untere Teil der 1. Seillänge, zweite Hälfte schrofigerbeim Bohren des 1. Standes, 60m-Seil reicht beim Abseilen haarscharf, Nachsichern feiner ...... ein paar Meter weiter oben am Ende des Fixseils an dicken LatschenästenFrühlingserwachen: 1. Mai am 1. Standes folgt eine längere Gehstrecke, wieder gesehen aus der Viehkofelflankezuvor schneiden wir uns noch durch den Latschendschungeldie 1. Schulter genau in Bildmitte, später schräg rechts hinauf ins letzte Wieseneck und durch die zwei schattigen Kaminverschneidungen auf die hohe 2.SchulterUlli hat die 1. Schulter erklommen, ...... gleich darunter die Zattkofelrinne mit zwei Gipfeltürmen des ViehkofelAnsicht von Westendie letzten 30 m des folgenden Wiesenstreifens werden immer steiler, ...... deswegen steckt am Beginn der folgenden Rechtsquerung für den Notfall ein Klebehakendie restlichen Stände bis zum Gipfel; von besagtem Haken 30 m auf schmalen Gamsspuren schräg rechts aufwärts ...... zum Stand am Fuß der langen KaminreiheTiefblick zur Lavanter Alm, rechts oben die „brutale Flanke“ (Thomas Gaisbacher) der Grubenspitzein der begradigten 2. Seillänge stecken mittlerweile 4 Zwischenhaken; an der Engstelle gleich oberhalb von Erich wartet die Schlüsselstelle der Tour, 10 m darüber ...... der nächste Stand; weiter links am Bäumchen vorbei, dahinter ...... eine gutmütige Kaminrinne ...... zu einem weiteren Abseilstand; im Aufstieg gehen wir besser noch ein paar Meter weiter (Fixseil) ...... auf die Höhe der 2. Schulter, wo man gemütlicher an einem Riesenblock Stand beziehen kann; von hier ein 20-Meter-Spaziergang ...... über eine Wiese nach rechts herüber zum nächsten Standder obere Klebehaken ist noch ganz frisch, weil wir ihn gerade nachgerüstet habenvon diesem Stand gerade hinauf (am Fuß der kurzen Stirnwand ein Zwischenhaken) über die Kante ...... zu einer weiteren kleinen Wiese an der 3. Schulterhier haben wir gleich am Beginn der Felsen einen Kettenstand gebohrtletzte Seillänge: hinter der waagrechten Kante knapp oberhalb der Bildmitte eine verdeckte flache Scharte, darüber an einer festen Rippe gerade hinauf aufs Gipfeldachim Steinmann auf der geräumigen grünen Kuppe ...... ist ein Gipfelbuch mit interessanten Eintragungen verstecktdie letzte Doppelseite spiegelt eine gewisse Begeisterung wider, zeigt aber auch, wie wenig auf diesem entlegenen Gipfel in den letzten 15 Jahren los war; das wird sich vielleicht aufgrund der beiden neuen härteren Ostwand-Anstiege und unserem jetzt abgesicherten Rudi-Klose-Schrofenspaziergang bald ändernder bislang noch relativ unbekannte Zattkofel erwartet uns mit einem erstaunlichen Gipfelpanorama: wir beginnen im Südwestendie Zattschlucht trennt unseren Gipfel vom 171 m höheren Viehkofel, von dem der Kamm nach links über etliche weitere benannte Türme bis zur Keilspitze zieht, welche dann nochmals über 250 m höher ist; bis ins 19. Jahrhundert wurde das gesamte Massiv „Viehkofel“ genanntder Blick übers Drautal auf die Kreuzeckgruppeim Südosten das imposanteste Schaustück im Panorama; auch hier wurden etliche der Kanten und Schluchten von Rudi Klose erstmals erkundetim Süden der Grubenkamm zwischen Hochstadel und Grubenspitze; über die beiden sichtbaren Törl und durchs Sandkar führt der berühmte Dreitörlweg vom Hochstadelhaus rechts hinaus übers Laserztörl zur Karlsbader Hütte; durch die Latschengasse links machen wir uns an den Abstieg, ...... nicht ohne einem kleinen Bund Zwischenhaken, welche die Ernsthaftigkeit des „Rudi-Klose-Gedächtniswegs“ noch etwas entschärfen sollendas Gipfeldach wieder hinunter, wo es steiler wird im Abstieg links der erste Abseilhaken in einer soliden Platteetwas links der „festen Rippe“ des Aufstiegs gerade hinunter und über die Scharte hinweg zum Kettenstand, weiter über die Wiesenkante zum nächsten Stand, mit dem 60-m-Seil geht es sich jedesmal perfekt ausvom Abseilstand unter der 2. Schulter ...... wieder gerade hinunter vorbei am Bäumchen zum nächsten Stand ...... und die Kaminrinne gerade hinunter bis an ihr Ende; es folgt die 30-m-Schräge über steiles Gras (Vorsicht bei Nässe!) zum nächsten Haken am Wandfuß, ...... wo man bei Bedarf wieder fädeln kannnach der Gehstrecke zur Latschenterrasse reicht vom letzten Abseilstand das 60-m-Seil wieder zentimetergenau bis hinunter zum Einstiegin der letzten Abseillänge: schmucke Maid an steiler Wand; hier etwas links unserer Einstiegsbegradigung ein ZH am Originaleinstieg Klose, an dem es sich vergnüglich auf sein Motiv warten lässtes folgt der Fotograf auf den letzten Meternzurück auf der Lavanter Alm knapp oberhalb der Hütte
(06.10.2026)

Literatur: Peterka/End: AV-Führer Lienzer Dolomiten (Randzahl 762). München: Bergverlag Rother 1984.

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